Dr. Stephan Scholtissek, Sprecher der Geschäftsführung, Accenture

„An Innovationspartnerschaften und dem Aufbau von Co-Kompetenzen führt schon heute kaum noch ein Weg vorbei. Das ,Kippen' der Wertschöpfungskette – von der heute vor- herrschenden Branchenorientierung hin zu einer wesentlich stärker an Prozessen und Querschnittsfunktionen ausgerichteten Betrachtung – wird zum Entstehen einer neuen Service-Industrie am Standort Deutschland führen.“

Zu Punkt 1: Überall dort, wo Innovation aus Forschungsarbeiten resultiert, wo deutsche Techniker neue Technologien erfinden und neue Patente anmelden, überall dort haben deutsche Unternehmen eine hervorragende Leistungsbilanz vorzuweisen. Bei den für den Weltmarkt relevanten Patentanmeldungen zum Beispiel steht Deutschland seit Jahren mit an der Spitze der größten Volkswirtschaften. Aber reicht das, um in Zukunft auf den Weltmärkten zu bestehen?

Zu Punkt 2: Schwerer tun wir uns mit den so genannten Prozessinnovationen, die sich nicht in neuen Produkten oder Technologien, sondern in veränderten Strukturen und Verhaltensweisen zeigen. Sobald Innovationen auf Menschen treffen, wenn sie nicht aus technischen Skizzen und abstrakten Blaupausen bestehen, sondern individuell „gelebt“ werden müssen, dann haben wir einen beträchtlichen Nachholbedarf. Er resultiert aus der typisch deutschen Eigenschaft, allzu lange an eingefahrenen Strukturen festzuhalten. Dabei sind es immer häufiger Prozessinnovationen, die im internationalen Wettbewerb über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Die Begründung für die Bedeutung von Prozessinnovationen ist einfach: Nachdem die Wirtschaft über viele Jahrzehnte alle Anstrengungen auf eine höhere Effizienz in der Fertigung konzentriert hat, sind die hier zu erzielenden Kostenvorteile nahezu ausgereizt. Anders die internen Dienstleistungs- und Verwaltungsbereiche. Sie wurden jahrelang vernachlässigt.

Zu Punkt 3: Der dritte Punkt ist sicherlich der bedeutendste. Denn er betrifft eine grundsätzliche Entwicklung, die sich derzeit weltweit vollzieht. Wir bezeichnen sie als „dritte Revolution der Wertschöpfung“. Was sich dahinter verbirgt, ist schnell skizziert: Die erste Revolution der Wertschöpfung vollzog sich Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Einführung des Fließbands durch Henry Ford, die Rationalisierung der Arbeit durch Frederick Winslow Taylor – alles zielte darauf ab, die Effizienz in der Fertigung, also die „Produktivität“ zu erhöhen. Erst Ende der 80er Jahre verlagerte sich der Hebel der Wertschöpfung von der Produktivität zur Fertigungstiefe. Das Stichwort „Lean Management“ machte die Runde. Große Teile der Fertigung wurden an Zulieferer ausgelagert, um Kosten- und Qualitätsvorteile zu erzielen. Heute sind viele Unternehmen hiermit so weit fortgeschritten, dass sie an ganz natürliche Grenzen stoßen. Vor diesem Hintergrund muss die Wirtschaft nun damit beginnen, ihre Erkenntnisse aus dem Fertigungsbereich auf die Leistungstiefe, also auf die internen Dienstleistungs- und Verwaltungsprozesse – wie etwa das Rechnungswesen, das Personalwesen oder den Einkauf –, zu übertragen. Hierzu ein Beispiel: Die Firma Porsche hat bei ihrem neuesten Modell, dem Cayenne, einen Eigenfertigungsanteil von nur noch 9 Prozent. Der Rest des Wagens wird von Zulieferfirmen gebaut. Die Optimierung der Fertigungstiefe ist damit wohl ausgereizt. Bei Banken und Versicherungen hingegen liegt die Leistungstiefe – das Gegenstück zur Fertigungstiefe in der Industrie – heute noch immer bei 80 bis 90 Prozent. Das vorhandene Potenzial erschließt sich auf den ersten Blick. Und auch Industrieunternehmen erkennen immer häufiger, dass zukünftige Erfolge weniger im Fertigungs- als im Verwaltungsbereich zu suchen sind.

Alle Unternehmen brauchen in Zukunft starke, spezialisierte Partner, die gemeinsam mit ihnen die internen Verwaltungs- und Dienstleistungsprozesse optimieren. Ziel ist es, die Qualität der internen Prozesse und die Leistungsfähigkeit am Markt zu verbessern, indem interne Verwaltungskosten abgebaut und dadurch die Flexibilität gewachsener Strukturen optimiert wird. Nur so erhalten die Unternehmen mehr Handlungsfreiheit und mehr Freiraum für dringend benötigte Investitionen. Und nur so entstehen auch in Deutschland wieder neue Arbeitsplätze. Denn das Auslagern von Arbeitsplätzen ist Jobmotor und nicht Jobvernichter – weil der wesentliche Teil der ausgelagerten Prozesse in Deutschland bleiben wird, weil finanzielle Mittel frei werden und weil eine ganz neue Dienstleistungsbranche im Entstehen begriffen ist.

Genau so, wie im Automobilbau in Deutschland eine starke Zulieferindustrie heran- gewachsen ist, genau so wird sich in den nächsten Jahren eine hocheffiziente Service-Industrie herausbilden, die Unternehmen dabei unterstützt, ihre Leistungstiefe zu senken. Und diese Industrie wird schon bald ein gewaltiges Volumen aufweisen. Seriöse Prognosen gehen davon aus, dass sie mit einem Umsatzpotenzial von ca. 40 Milliarden Euro die gleiche Größenordnung einnehmen wird wie die Automobilzulieferindustrie.

Sollen Innovation und Wachstum in Deutschland wieder eine Rolle spielen, dann müssen dringend die hierfür erforderlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden – wirtschaftlich, kulturell und politisch. Denn viele deutsche Unternehmen wissen zwar, auf welche Weise sie ihre Wertschöpfungsprozesse durch Outsourcing-Partnerschaften noch gewinnbringender arrangieren können, doch sie halten sich noch zurück. Drei wesentliche Kompetenzlücken, das haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, sind hierfür in entscheidendem Maße verantwortlich: ein Mangel an bereichs- übergreifendem Wissen und Denken, ein Kreativitätsdefizit sowie fehlende oder falsche Führungs- und Motivationskonzepte. Diese Lücken gilt es nun durch geeignete Maß- nahmen zu schließen.

© DGMF Deutsche Gesellschaft für Managementforschung 2010